Entlang Celcias Südküste

Das große Meer ist launisch wie das Wetter. Einmal ist es friedlich und dann wieder die reinste Gefahr. Erfahrene Seemänner befahren es mit ihren großen Schiffen. Alle Reisen sind hier verzeichnet.
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Piraten kapern alle Schiffe, die nicht dunkelelfisch oder verbündete mit sichtbarem Zeichen (Flagge) sind.
Die Mantroner versuchen, gegen die Piraten vorzugehen.
Ein Teil der Amazonen, sowie das dunkle Volk sind Verbündete der Piraten.
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Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 16. November 2014, 13:18

Der Tag nach dem Sturm über Rumdett

[Pallas Mercator kommt von Rumdett - Wo bin ich da bloß reingeraten?]

Die Seegurke, die ihr ehemalige Besitzer sie scherzhaft getauft hatte, war eine Nussschale vom einem Fischersboot, aber sie hatte den Sturm überstanden. Im ersten Tageslicht erwachte Pallas. Sein Ringfinger schmerzte und seine Hosenbeine waren nass. Im Boden des Bootes stand das Wasser eine Handbreit hoch.
Seine Begleiter schliefen alle. Ferim hatte sich an der Spitze des Schiffes im Sitzen zusammengekauert und die drei anderen lagen aneinandergedrängt auf einem Berg von Netzen. Nicht zu denken, wo Atlas jetzt ruhte.

Die Silhouette des Festlandes lag zur Linken, die Sonne tauchte vor ihnen auf. Ein sanfter Wind drängte das Schiff vorwärts. Zeit, sich mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln zu orientieren.

[Samuel Hatch kommt von Rumdett – Die Strömung der Gezeiten]

Der allerneuste Matrose auf der Santroner Möwe – Samuel Hatch – musste bis in den Nachmittag leichte Arbeiten erledigen, bis Leiffidd ihn und mehrere andere von der Arbeit befreite. Das Schiff machte gut Fahrt und alles lief so gut, dass man fast keine Matrosen dafür brauchte. Vom glatzköpfigen Schiffsoffizier gab es Zwieback mit Speck und eine Flasche mit frisch abgefüllten, lauwarmen Grog.

Erholung, Unterhaltung oder seine „andere Arbeit“, alle Möglichkeiten standen Mister Hatch jetzt offen.
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Samuel Hatch
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Samuel Hatch » Samstag 22. November 2014, 21:18

Der Laderaum des Holkes würde nur zur Hälfte gefüllt werden. Da fiel es beinahe nicht auf, dass ein kleiner Teil des Laderaumes von einem hölzernen Verschlag besetzt war. Was sich dahinter befand, war nicht sichtbar, aber er wurde bewacht. Ein etwas zu kurz geratener Pirat mit einer Visage wie ein Straßenräuber und wild funkelnden Augen lehnte an der hölzernen Wand und beobachtete, wie die Beute anderer Seeräuber für den Weiterverkauf hier verladen wurde. Der Wächter hatte den Rang des zweiten Maats inne. Dass er nicht bei der Organisation half, sondern hier Wache schob, sprach nicht dafür, dass dieser Mann eine helle Leuchte war.
Sam konnte ihn während des Verstauens und Sicherns der Ladung beobachten. Der kleine Bretterverschlag schien für die Crew Tabu zu sein, und genau dieser Umstand erregte großes Interesse bei dem Einäugigen. Er liebte Geheimnisse und immerhin war es ja sein inoffizieller Auftrag, alles über diese Fahrt in Erfahrung zu bringen. Da die Arbeit allerdings straff organisiert war und jedes Abweichen vom geplanten Ablauf auffallen würde, merkte er es sich erst einmal vor, um dieser Sache später auf den Grund zu gehen.

Samuel Hatch fing irgendwann das Singen an. Mehrere Matrosen bemerkten das und schauten fragend zu Kapitän Orphelia. Die Amazone bemerkte, was los war und reagierte schnell: „Keine Lieder über Piraten, sobald wir den Hafen verlassen haben. Und bleibt im Takt der Arbeit. Wenn die Fässer da hinten verladen sind, gibt’s eine kurze Pause für alle!“

Oh Mann... Diese Frau muss noch `ne Menge lernen, wenn sie als Kapitän weiter bestehen will..., dachte Sam im Stillen. Piratenlieder auf einem offiziellen Handelsschiff zu verbieten war ja logisch, aber noch waren sie in Rumdett, und auch auf Hoher See konnte sie theoretisch niemand hören. Aber er lies sich seine Belustigung nicht anmerken und arbeitete weiter.

Während der Pause gönnte sich die Crew einen Schluck und die Offiziere – bis auf den zweiten Maat im Frachtraum – versammelten sich um die Amazone. Erster Maat Karl war ein dicker Mann in den Vierzigern. Der Steuermann trug ein ein Kopftuch und seine Arme waren haarige Pranken. Sam kannte Leiffidd, den offiziellen Schiffszimmermann und inoffiziellen Quartiermeister, bereits und der letzte in der Gruppe war ein alter, kahlköpfiger Mann, von dem man nicht sagen konnte, ob er der Schiffsarzt oder der Schiffskoch war. Es fehlte ein Navigator. Irgendjemand von diesen Leuten würde diese Rolle auch mit übernehmen – die Route war ja weder lang, noch gefährlich.

Sam beobachtete alle der Offiziere ganz genau. Jede noch so unwichtige Kleinigkeit versuchte er zu erkennen, und eventuell Nutzen daraus zu ziehen. Besonderes Augenmerk legte er hierbei auf den Steuermann. Da die Holk einen sehr hohen Auftrieb durch die verbreiterte Ladefläche hatte, allerdings nur zur Hälfte beladen war, die Trimmung also relativ klein, konnte bei schlechtem Wetter und stürmischer See die Krängung des Schiffes zu stark werden. Wenn also der Steuermann nicht gut genug war um diesem Umstand entgegenzuwirken, könnten Sie kentern. Doch Sam war guter Dinge, dass es im Notfall immer jemand gut genug konnte, um so etwas zu verhindern.

Die Arbeit ging weiter und einmal unter Deck sprach Karl Sam an: „He du. Wollte dir nur sagen, dass deine Art Orphelia gefällt. Ich kann mich nur noch schwammig daran erinnern, dir diese Arbeit besorgt zu haben, aber meine Menschenkenntnis wird halt umso besser, je mehr ich bechere. Selbst dieser Abstinenzler Leiffidd muss mir in dem Punkt zustimmen.“
Sam konnte sich ein Lachen verkneifen, lächelte den ersten Maat jedoch an.
„Scheint so. Und sooo viel getrunken hast du ja nun auch wieder nicht. Also zumindest fand ich es nicht zu viel. Man sagt nicht umsonst, dass Alkohol die Leistung fördert nicht wahr? Ich geb’ mein Bestes, erster Maat!“

Heilige Scheiße, wie konnte ein so hirnloser Spinner wie du erster Maat werden? Naja... Das macht es nicht wirklich schwieriger, dich übers Ohr zu hauen. Auch gut, wenn du mir gleich Informationen über die anderen gibst. Leitfidd trinkt also gar nichts? Interessant... dachte sich der Pirat und verabschiedete sich vorerst freundlich von Karl.

Die letzten Minuten der Verladearbeiten konnte Samuel Hatch von oben aus beobachten. Die Amazone schickte bereits die Fuhrknechte weg und begab sich aufs Schiff. So wie es aussah, würde sie gleich ein paar Worte an die Männer richten wollen.

Wieder unten hatten sich alle Leute versammelt. Sam hatte sich auf einen Stoß Taue am Mast gesetzt, etwas abseits und in der hintersten Reihe. Von dort wurde er zwar nicht gut gesehen, konnte aber alles mitverfolgen. Orphelia sprach von keiner erhöhten Position, aber ihre Stimme war laut und klar:

„Männer dieses Schiffes! Ich weiß, meine Ankunft als neuer Kapitän war schnell und überwältigend. Aber ich weiß auch, dass ihr schon viel zu lange im Hafen warten musstet. In diesem halben Jahr habt ihr gesehen, wie andere Piraten immer wieder Beute heimbrachten, während ihr selbst nur magerste Einkünfte hattet. Erst einmal möchte ich mich entschuldigen für die Hektik des heutigen Vormittages. Als kleines Entgegenkommen bekommt ihr auf Vorschlag eurer Offiziere während der ganzen Reise doppelte Rationen Speck und das anderthalbfache an Grog. Das habt ihr euch verdient.“

Köpfe wurden zustimmen genickt und frohe Blicke ausgetauscht. Nur Samuel Hatch schien sich nicht wirklich zu freuen. Als Kapitän entschuldigt man sich nicht... Du musst noch `ne Menge lernen, Mädchen. Und irgendwas kommt doch jetzt noch. Sie wickelt die Mannschaft um den Finger... Meine Güte, dass ist doch viel zu offensichtlich...

„Diese Schnelligkeit hatte einen Zweck. Ich habe vor, einen kleinen Umweg auf der Reise zu machen. Aber dies will ich letztendlich nicht gegen euren Willen tun! Deswegen mache ich euch dieses Angebot dafür. In dem letzten halben Jahr haben einige von euch sich verschuldet. Der Gewinn, der mir von diesen Geschäften auf dieser Reise zu stände, würde ich vollständig dafür verwenden die meisten dieser Schulden zu tilgen!
Wer also für das Angebot ist, ruft jetzt 'Aye'.“

Durch die Reihen riefen fast alle Piraten ihre Zustimmung. Es kam nicht einmal mehr zu der „Ney“-Phase. Orphelia lächelte und schlürfte dann etwas vom Inhalt des Fläschchen an ihrem Gürtel.
Beim Klabautermann, wie dämliche, hirnlose Schafe! Sie lassen sich kaufen, ohne zu wissen, was eigentlich geplant ist. Was bei allen Dämonen hat das Weibsstück vor?
Sam hatte seine Zustimmung nicht durch rufen kundgetan, doch da er abseits saß, fiel es wohl niemandem auf, zumal er ohnehin von seinen Kollegen übertönt worden wäre. Aber auch der Umstand, dass die Amazone aus dieser seltsamen Flasche trank, erregte wiedereinmal Sams Aufmerksamkeit.

Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt, als das Schiff auslief. Um der beinahe euphorischen Stimmung der anderen Matrosen aus dem Weg zu gehen, kletterte Sam mit einigen anderen hoch in die Top, als der Befehl „Klarmachen zum Segel setzen!“ über das Deck hallte.

Nachdem sie Rumdetts Hafen verlassen hatten, vollführte er typische Aufgaben an Bord bis in den Nachmittag hinein. Für ihn war derartige Beschäftigung eher wie Entspannung, denn allein schon auf See zu sein, schien ihn zu befreien. Während der Arbeit beobachtete er auch seine Matrosen-Kollegen ganz genau. Er versuchte sich zu merken, wie viele es waren, wie sie hießen, und welche Gewohnheiten sie hatten. Jede Information konnte nützlich sein.
Dann wurde er von Leitfidd von der Arbeit entlassen und es gab lauwarmen Grog und Zwieback mit Speck. Sam aß und trank die Ration und überdachte dann seine nächsten Schritte. Er musste sehr viel in Erfahrung bringen, und auch wenn die Amazone einen Umweg geplant hatte, würde diese Reise wohl nicht all zu lange dauern. Das hieß er musste sich beeilen mit der Informationsbeschaffung. Aber womit sollte er anfangen? Der Bretterverschlag im Laderaum wurde bewacht, die Amazone war vermutlich in der Kapitänskajüte und mit ihr auch ihre Flasche. Also blieb eigentlich nur Leitfidd übrig. Die kryptischen Äußerungen des Schiffszimmermanns bei ihrer ersten Begegnung hatte Sam nicht vergessen.
Außerdem musste er sich als neuer Matrose an Bord erst mal eine Pritsche unter Deck zuweisen lassen. Also schulterte er seinen Seesack und machte sich auf den Weg, den bärtigen Mantroner zu suchen.

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Pallas Mercator
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Sonntag 23. November 2014, 23:28

Vergeblich hatten sie die halbe Nacht lang nach Atlas ausschau gehalten, bevor Erschöpfung und Trauer sie übermannte. Selbst der tosende Sturm konnte sie nicht mehr aufwecken.

Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens und die kalte Nässe seines Lagers weckte Pallas auf. Noch schläfrig setzte er sich auf und blinzelte in die Sonne, die gerade vor dem Bug der Seegurke aufging. Links des Bootes konnte man am Horizont noch Land sehen. Wenn er sich richtig an die Karte, die er vor ein paar Tagen in Rumdett gesehen hatte, erinnerte, hielten sie wie durch ein Wunder noch den richtigen Kurs. Sonst konnte Pallas weit und breit weder Rumdett noch ein anderes Schiff ausmachen. Oder Atlas. Nach dem was mit Atlas passiert war, hatte er aber auch keine Lust auf den Mast zu Klettern um sein Blickfeld zu erweitern.

Wie hatte das nur passieren können? Er war seine Schuld gewesen, er hätte Atlas wieder nach unten aufs Deck beordern sollen.

Ich habe als Kapitän versagt. Ich war für die Sicherheit meiner Leute verantwortlich und habe zugelassen dass einem von ihnen etwas zustößt.

Vielleicht hätten sie doch mit dem Auslaufen auf eine Nacht mit besserem Wetter warten sollen. Wer weiß was dann geschehen wäre.
Allerdings würde sich Vorwürfe zu machen Atlas auch nicht wieder lebendig machen. Und wer weiß, möglicherweise hatte er überlebt und strandete an der Küste, schließlich war sie nicht allzu weit entfernt. Pallas musste sich auf den Teil der Reise konzentrieren, der vor ihnen lag, damit der Rest seiner Crew sicher in Serna ankommen würde. Zeit, das Boot und seine Ausrüstung zu überprüfen.

Die anderen lagen noch schlafend im Boot, in dem etwa knöcheltief das Wasser stand. Das würden sie später dann noch ausschöpfen müssen. Der Mast und das Segel sahen in Ordnung aus und das Boot konnte die leichte Brise als Antrieb nutzen. Auf den ersten Blick waren an Deck nur Seile und Netzte, sowie ihr eigenes Gepäck zu sehen.

Mal schauen, was hier sonst so rumliegt.

Irgendwo unter diesen ganzen Netzen musste doch irgendwas nützliches zu finden sein, wenigstens ein Eimer zum ausschöpfen.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 30. November 2014, 16:23

Auf der Santroner Möwe

Samuel Hatch hatte die Mannschaft beobachtet und bereits erste Erkenntnisse erhalten. Wenn der erste Maat Karl Anweisungen gab, dann legten sich die Matrosen ordentlich ins Zeug. Wenn dagegen Leiffidd etwas befahl, gab es murrenden Gehorsam, obwohl der Schiffszimmermann die Aufgaben sicherer, bequemer und effizienter gestaltete. Den anderen Offizieren an Bord wurde mit Gleichmut entgegnet.

Egal ob das vom alten Kapitän Caspar beabsichtigt war oder nicht, aber der Kapitän konnte je nach Lage seine Befehle von einem beliebten Offizier mit gutem Draht zur Mannschaft überbringen lassen oder von einem Buhmann.

Der Schiffszimmermann war Sams erstes Ziel, um Informationen zu beschaffen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er dessen Aufenthaltsort fand. Als er nämlich an der Kapitänskajüte vorbei ging und einen Blick durch das Fenster in den kleinen Vorraum warf, saß der Matroner direkt hinter der Glasscheibe und befreite ein paar Nägel von Rost mit einem konkaven Schleifstein. Da drinnen hatte er genügend Licht für die Arbeit und er konnte die frisch entrosteten Nägel von der salzigen Seeluft fern halten. Der Bärtige blickte auf, bemerkte Sams Blick und ging zu ihm aufs Deck. Dort sah er Sams Seesack und fragte:

„Du suchst deinen Schlafplatz, nicht?“ und wies Sam an, ihm zu folgen. „Und, wie findest du das Schiff?“, fragte er unterdessen, „Eine Schönheit, nicht wahr? Alles, was in den letzten Jahren daran gemacht wurde, war meine Arbeit. Wirklich alles.“ Wenn das stimmte, dann hatte er den hölzernen Verschlag unter Deck auch selbst gezimmert.

Auf der Seegurke

Pallas Mercators erstes Augenmerk lag auf dem Wasser, dass sich am Boden des Fischkutters gesammelt hatte. Es war zu einem Teil Regenwasser, zum anderen Teil Meerwasser, welches hohe Wellen gestern hereingeschwappt hatten. Er suchte nach etwas, womit man das Wasser ausschöpfen konnte.

Der erste Gegenstand, den er fand und der sich für die Aufgabe eignen könnte, war ein Stiefel. Atlas hatte seinen zweiten Stiefel bereits ausgezogen, aber nicht geworfen. Als er dann ins Wasser stürzte, landete der Stiefel ironischerweise im Boot. Der große Stiefel roch nach Fisch, fast noch stärker als der Rest der Seegurke. Der Stiefel würde gute Dienste beim Wasserschöpfen leisten.
Das nächste war ein Eimer aus Holz. Der Eimer hatte einen Riss auf einer Seite. Vermutlich war er nur noch auf dem Boot, weil man darin Fische lagern konnte. Wenn man ihn schräg hielt, mit dem Riss nach oben, konnte man auch damit Wasser fassen.

Während Pallas weiter das Schiff absuchte, wachte Ferim auf. Mit seinem müden traurigen Augen registrierte er das Wasser um seine Füße und erkannte, wonach Pallas suchte. Er half ihm wortlos dabei und wenig später hielt er zwei Zinnkrüge hoch. Beide Krüge hatten verschließbare Deckel und enthielten somit noch ihren ursprünglichen Inhalt.
Ferim hob den einen Deckel hoch, schnupperte daran und meinte „Frischwasser.“ Der deprimierte Schauspieler roch auch am Inhalt des zweiten Kruges, rümpfte die Nase und meinte: „Billiger Fusel.“ Schlagartig änderte er seine Meinung, setzte den Rand des Gefäß an seine Lippen und machte Anstalten, einen gewaltigen Schluck daraus zu nehmen.
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Samuel Hatch » Montag 8. Dezember 2014, 20:27

Sam hatte die Mannschaft beobachtet und bereits erste Erkenntnisse erhalten. Wenn der erste Maat Karl Anweisungen gab, dann legten sich die Matrosen ordentlich ins Zeug. Wenn dagegen Leiffidd etwas befahl, gab es murrenden Gehorsam, obwohl der Schiffszimmermann die Aufgaben sicherer, bequemer und effizienter gestaltete. Den anderen Offizieren an Bord wurde mit Gleichmut entgegnet.

Hochinteressant… die Amazone kann also selbst bestimmen, wie ihre Befehle von der Mannschaft aufgenommen werden, vorausgesetzt sie hat diese Tatsache schon durchschaut. Ach Sam… natüüürlich wird sie das wissen. Dumm sie ist auf keinen Fall. Das macht die Sache hier natürlich etwas schwieriger… aber auch reizvoller! Sam grinste in sich hinein und dachte weiter nach. Er liebte fordernde Aufgaben.
Bleibt natürlich noch zu klären, warum diese Napfsülze von Karl bei der Mannschaft besser ankommt als Leitfidd. Immerhin sind die Matrosen vielleicht nicht die schlauesten, aber wenn es um ihre Arbeit geht sollten sie theoretisch doch demjenigen mehr Sympathie entgegenbringen, der ihre Arbeit angenehmer gestaltet… seltsam. Vielleicht ist Leitfidd aufgrund seiner Herkunft nicht sonderlich beliebt. Immerhin sind die meisten Mantroner ja ernstzunehmende Gegner für uns auf See. Das muss ich noch rausfinden…

Also machte sich Sam auf den Weg, um weitere wichtige Details zu erfahren. Der Schiffszimmermann war Sams erstes Ziel, um Informationen zu beschaffen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er dessen Aufenthaltsort fand. Als er nämlich an der Kapitänskajüte vorbei ging und einen Blick durch das Fenster in den kleinen Vorraum warf, saß der Matroner direkt hinter der Glasscheibe und befreite ein paar Nägel von Rost mit einem konkaven Schleifstein. Da drinnen hatte er genügend Licht für die Arbeit und er konnte die frisch entrosteten Nägel von der salzigen Seeluft fern halten. Der Bärtige blickte auf, bemerkte Sams Blick und ging zu ihm aufs Deck. Dort sah er Sams Seesack und fragte:

„Du suchst deinen Schlafplatz, nicht?“ und wies Sam an, ihm zu folgen, was der Einäugige auch umgehend tat. „Und, wie findest du das Schiff?“, fragte Leitfidd unterdessen, „Eine Schönheit, nicht wahr? Alles, was in den letzten Jahren daran gemacht wurde, war meine Arbeit. Wirklich alles.“

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel die Leute von sich preisgeben, ohne dass man danach fragen muss. Er hat also den Bretterverschlag in der Bilch gezimmert. Dann wird er wohl auch wissen, wofür das Ding gedacht ist und wer den Schlüssel hat…

Um vorerst beim Thema zu bleiben und den Weg über Deck, auf dem sie leicht belauscht werden konnten, zu überbrücken, erwiderte Sam:
„Ich muss sagen, die Dame hier ist in einwandfreiem Zustand. Vielleicht bedarf die Takelage etwas Zuwendung, aber sonst scheint sie super in Schuss zu sein. Nur schade, dass die Galionsfigur dran glauben musste. Und das ist alles dein Werk? Erstaunlich… Wie viele Jahre segelst du denn schon auf der Santroner Möwe?“

Und wieder wurde deutlich, dass Sam es wahrhaftig verstand, unbemerkt und nicht aufdringlich Informationen zu beschaffen. Er ließ die Frage absichtlich beiläufig klingen und spielte sein Interesse am Schiff deutlich in den Vordergrund.

Als sie den Abstieg unter Deck begannen, sah sich der Freibeuter eingehend aber dennoch unbemerkt um, um zu untersuchen, ob sie belauscht wurden oder nicht. Falls Leitfidd unbeliebt bei der Mannschaft war, konnte auch Sam sich bei seinen Kollegen unbeliebt machen, falls man sie zu oft zusammen sehen sollte. Eigentlich war ihm das egal, aber je mehr „Freunde“ man hatte, umso mehr Gefallen konnte man sich ergaunern. Und Gefallen waren an Bord eines Schiffes nun mal die härteste Währung.

Als er sich sicher war, das niemand sie belauschte, begann er die eigentlichen Fragen zu stellen:
„Du hast doch alles gebaut, sagst du. Das unten in der Bilch… dieser bewachte Bretterverschlag… was soll das sein? Eine Zelle für Gefangene?“ Der letzte Satz war wohl mehr als Scherz gemeint, doch man konnte eventuell auch raushören, dass Sam es definitiv in den Bereich des Möglichen einsortierte.

„Und… du sagtest doch, du würdest dich gern noch mal mit mir unterhalten. Worüber denn genau?“

Auch hier wurde deutlich, dass Sam scheinbar schon Vermutungen über Leitfidds Absichten hatte, doch der Einäugige verstand es, zu schauspielern und sich unter Umständen auch dumm zu stellen.

„Ach so… und noch was…“ Wieder schaute sich Sam um und untersuchte die nähere Umgebung, „… du scheinst ja…. gelinde gesagt… nicht der beliebteste an Bord zu sein, nich´ wahr?“ Sam lächelte wissend und sah Leitfidd an. „Irgendwie scheint ja selbst der hochkompetente und erfahrene erste Maat beliebter als du. Wieso das wohl so ist….“

Sam schüttelte nun theatralisch den Kopf und mimte den absolut Unwissenden. Seine Aussagen über Karl klangen ernstgemeint. Nur wirklich erfahrene Zuhörer hätten eine winzige Spur Sarkasmus heraushören können.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Donnerstag 18. Dezember 2014, 23:17

Pallas durchwühlte die Netzhaufen und Seile am Boden nach einem passenden Gegenstand zum Ausschöpfen. Der Sturm hatte an Deck der Seegurke ein ziemliches Durcheinander hinterlassen. In einem Knäuel Seil entdeckte er einen großer Stiefel, Atlas zweiten Stiefel, der heruntergefallen sein musste als sein Besitzer über Bord ging. Erstaunlicherweise roch der Stiefel nicht etwa nach Schweißfuß, sonder Fisch, stärker als jeder andere Gegenstand an Bord uns stärker als das Boot selbst.
Igendwie machte es Palls traurig dass von Atlas nichts witer geblieben war als sein Stiefel. Versonnen starrte er eine Weile lang Abwechselnd auf den Stiefel und die glatte See. Er schüttlelte den Gedanken ab und suchte weiter. Es musste auf dieser Nussschale doch noch etwas besseres zum Ausschöpfen von Wasser geben.
Tatsächlich stellte sich nach kurzer Zeit der Stiefel als erste Wahl heraus, dicht gefolgt von einem undichten Eimer.
Beim Suchen hatte er Ferim aufgeweckt, der ihm nun wortlos half. Müdigkeit und Trauer ließen sich deutlich von seinem Gesicht ablesen. Ferim fand zwei verschließbare Krüge, öffnete sie und kommentierte deren Inhalt kurz angebunden mit „Frischwasser“ und „billiger Fusel“. Obwohl ihn der Schnaps anzuekeln schien setzte er zu einem großen Schluck an. Als er den Krug wieder absetzte nahm Pallas ihn sanft an sich und hob ihn zu einem Trinkspruch an.

„Auf Atlas“, sagte er leise und nahm ebenfalls einen kräftigen Zug. Das Gesöff war stark und der Nachgeschmack war genauso schlecht wie sein Geruch, aber es wärmte die durchgefrorenen und steifen Glieder etwas, was vermutlich genau der Grund war warum es sich an Bord befand. Pallas schüttelte sich während der Schluck seinen Gaumen hinabrollte unwillkürlich und fühlte sich etwas belebter und frischer.

Einen der Zinnkrüge könnten wir gut zum ausschöpfen gebrauchen, aber das Frischwasser ist zu wertvoll um es einfach wegzukippen.

"Lass uns den Schnaps weghauen, wir brauchen den Krug zum Schöpfen. Das Wasser sollten wir als Reserve aufsparen", sagte er zu Ferim und gab den Krug wieder zurück. Pallas hatte vorerst erst mal genug, aber er ließ Ferim noch ein bisschen was wenn es ihm weiterhalf. Den Rest würden sie einfach über Bord kippen und sich dann an die Arbeit machen.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 21. Dezember 2014, 19:09

Auf der Santroner Möwe

„Die Gallionsfigur halte ich für keinen großen Verlust. Sie wurde nicht einmal aus einem zusammenhängenden Stück Holz gemacht, sondern von zwei unterschiedlichen Holzschnitzern aus zwei unterschiedlichen Stämmen. Und das Ergebnis wurde zusammen genagelt, anstelle eine schöne Steckverbindung zu machen.“

Er zog seinem Hammer vom Gürtel. „Was glaubst du, wie lange mir mein Liebling Dienste geleistet hätte, wenn ihr Kopf nur mit einem Nagel am Stiel hängen würde...“ Während er von seinem Hammer abgelenkt war, murmelte er nur etwas von „...dienstjüngster Offizier.“, auf Samuels Frage, wie lange er schon an Bord war.

Sie passierten einige Schlafkojen im fast völliger Dunkelheit, als Sam Hatch sich nach dem Bretterverschlag erkundigte. Hier unten war es schwierig, Leiffidds Gesichtsausdruck zu sehen. Er antwortete nicht, blieb aber stehen. Der einäugige Pirat musste die Schweigepause überbrücken, indem er nachfragte, warum Leiffidd das Gespräch mit ihm gesucht hatte.

„Aus genau dem Grund...“, zischte der Schiffszimmermann. „Du stellst einfach jede Frage, die dir in den Sinn kommt und die alle auf einmal. Ich weiß, was es mit dir auf sich hat und muss dir deshalb davon abraten. Nimm dir ein Beispiel an mir und sei subtil.“

Er war wieder weiter gegangen. „Hier deine Koje. Du teilst sie mit zwei anderen. Aber die haben andere Schichten als du.“ Er wollte gerade gehen, da sprach Mister Hatch seine Unbeliebtheit an. „Na und? Ich bin nicht hier, um Freunde fürs Leben zu finden, sondern um viel Geld zu machen.“

Auf der Seegurke

Ferim hatte einen großen Schluck genommen, setzte den Krug ab und hielt eine Hand vor dem Mund, um einen Rülpser zu unterdrücken. Er reichte das Gesöff an Pallas Mercator. Als der es zurück reichte, wollte keiner mehr trinken, als landete der restliche Inhalt im Meer.

Das Große Ausschöpfen fing an. Man konnte gleichzeitig eine Hand am Ruder haben und mit der anderen Hand den Krug zum Wasserfassen benutzen. Ferim schnappte sich den Stiefel und machte sich auch ans Werk. Ein paar Minuten später wachte Dora als erstes auf. Als Ferim das merkte, versenkte er den Stiefel schnell im Meer und schnappte sich den halben Eimer. Als die rüstige, alte Frau sich zurecht fand, nahm sie eine Pfanne aus dem Gepäck. Aber anstatt selbst mitzuhelfen, gab sie Sid einen Stoß, der ihn aufweckte, deutete auf die Pfanne und das Wasser am Boden des Schiffes. „Aber lass kein Salzwasser darin stehen, sondern wasch sie nachher aus.“ Gemeinsam dauerte es nicht mehr lange und das Wasser war bis auf einen Rest beseitigt, der dann austrocknete. Die Seegurke machte gute Strecke.

Jetzt, als nichts mehr zu tun war, rümpfte Ferim die Nase. Der Fischgestank auf dem Kutter war stärker geworden. Der Schauspieler hob ein Fischernetz an und darunter fanden sich drei kleine Fische, dem Geruch nach vom gestrigen Fang übrig geblieben.

„Wirf die nicht über Bord.“, meinte Dora „Die können wir zerschneiden und als Köder für frische Fische benutzen. Hier gibt es bestimmt einige Angelhaken und Schnur.“
„Das geht doch bestimmt nicht, während das Boot sich so schnell bewegt.“, warf Sid ein.
„Versuch' mich nicht über Fische zu belehren, Bursche, ich komme aus dem Fischerdorf.“
Sid verschränkte die Arme. „Wir haben genug Proviant und vielleicht will ich ich einfach nicht meine Hände mit alten, widerlichen Fischinnereien besudeln.“

Dora drehte sich zu Pallas Mercator. „Sprich ein Machtwort, Kapitän!“
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Samuel Hatch » Sonntag 4. Januar 2015, 11:17

„Die Gallionsfigur halte ich für keinen großen Verlust. Sie wurde nicht einmal aus einem zusammenhängenden Stück Holz gemacht, sondern von zwei unterschiedlichen Holzschnitzern aus zwei unterschiedlichen Stämmen. Und das Ergebnis wurde zusammen genagelt, anstelle eine schöne Steckverbindung zu machen.“
Er zog seinem Hammer vom Gürtel. „Was glaubst du, wie lange mir mein Liebling Dienste geleistet hätte, wenn ihr Kopf nur mit einem Nagel am Stiel hängen würde...“ Während er von seinem Hammer abgelenkt war, murmelte er nur etwas von „...dienstjüngster Offizier.“, auf Samuels Frage, wie lange er schon an Bord war.

Was für eine spannende Geschichte… ein Mantroner, der sich in sein Werkzeug verliebt hat. Spinnen den hier an Bord alle…. , dachte sich Sam und konnte sich ein Schmunzeln gerade noch so verkneifen.

Sie passierten einige Schlafkojen in fast völliger Dunkelheit, als Sam Hatch sich nach dem Bretterverschlag erkundigte. Hier unten war es schwierig, Leiffidds Gesichtsausdruck zu sehen. Er antwortete nicht, blieb aber stehen. Der einäugige Pirat musste die Schweigepause überbrücken, indem er nachfragte, warum Leiffidd das Gespräch mit ihm gesucht hatte.

„Aus genau dem Grund...“, zischte der Schiffszimmermann. „Du stellst einfach jede Frage, die dir in den Sinn kommt und die alle auf einmal. Ich weiß, was es mit dir auf sich hat und muss dir deshalb davon abraten. Nimm dir ein Beispiel an mir und sei subtil.“

Jetzt musste Sam sich sogar ein lautes Lachen verkneifen. Der Mann der sich ihm innerhalb der ersten Minute ihrer allerersten Begegnung sofort zu erkennen gegeben hat und ihm als erstes auf die Nase band, er wisse über ihn Bescheid… dieser Mann wollte ihm jetzt erklären, was subtil bedeutete? Einfach lächerlich…

„Ein Beispiel an dir nehmen? Dann hätte ich also noch bevor ich mit der Arbeit begonnen hätte zum Käpt´n gehen und ihr alles erzählen sollen?“ Sams Tonfall wurde nun etwas harscher, wenn auch nicht bedrohlich.
„Erzähl du mir nichts über Unauffälligkeit! Entweder du hilfst mir, oder du lässt es. Du magst ja ein fähiger Zimmermann und Matrose sein, aber in Sachen Spionage muss ich mich nicht von dir belehren lassen. Soll ich lieber hingehen, und mir das Ding selbst ansehen? Wäre das subtiler für dich, ja? Oder soll ich erst mal ein Jahr auf dem Schiff verbringen, ohne etwas in Erfahrung zu bringen? Wäre das unauffällig genug? Du hast dich schon verraten, was denkst du denn, warum ich dich frage…. Junge, Junge… wenn ich jede meiner Fragen und Handlungen erst erklären muss, wird die ganze Sache hier wohl noch eine ganze Weile dauern.“

Sam hatte dem Mantroner eigentlich etwas mehr zugetraut. Sein erster Eindruck war wohl jedoch nicht ganz richtig gewesen. Der blonde Schiffszimmermann machte auf ihn langsam den Eindruck, als hätte er Angst durch Sams Nachforschungen selbst aufzufliegen. Und Angst durfte man bei solchen Aktionen nicht haben, denn sie machte einen zu übervorsichtig und wirkte lähmend. Wenn der Einäugige bis zu ihrer Rückkehr nach Rumdett handfeste Informationen haben wollte, musste er sich beeilen, denn die Überfahrt würde wohl nicht ewig dauern.

Leitfidd war wieder weiter gegangen. „Hier deine Koje. Du teilst sie mit zwei anderen. Aber die haben andere Schichten als du.“ Er wollte gerade gehen, da sprach Mister Hatch seine Unbeliebtheit an. „Na und? Ich bin nicht hier, um Freunde fürs Leben zu finden, sondern um viel Geld zu machen.“

Bevor der Schiffszimmermann sich verabschieden konnte, hielt Sam ihn an der Schulter fest. Die Geste war nicht bedrohlich oder aggressiv gemeint. Er blickte sich noch einmal um, um sich zu versichern, dass sie wirklich nicht belauscht wurden, bevor er mit gesenkter Stimme zu dem Mantroner sprach:

„Überleg es dir. Wenn du angeblich so viel über mich weißt, wie du vorgibst, dann kannst du mir genauso gut helfen. Warum hättest du mir denn sonst erzählen sollen, dass du Bescheid weißt? Du willst mir helfen und traust dich nur nicht… das ist in Ordnung. Aber denk dran, dass wir nicht ewig Zeit haben. Überleg´s dir. Ich werde mit dir oder ohne dich weitermachen…“

Dann lies er die Schulter des Mantroners los und lächelte ihn an, während er seine ihm zugewiesene Koje betrachtete. Sie war genau so, wie er sie erwartet hatte: klein, muffig und dunkel. Doch wie hieß es so schön: mehr als eine Pritsche unter Deck und einen Seesack pro Mann brauchten Matrosen nicht. Sam war zufrieden, immerhin war er nicht hier um Urlaub zu machen. Er fummelte einen Halm Stroh von der löchrigen Decke, der sich wohl aus der Füllung irgendeines Sackes gelöst hatte. Als er den Strohhalm berührte, fühlte er sich irgendwie… glücklicher.

„Danke, dass ihr mir meine Koje gezeigt habt, Schiffszimmermann Leitfidd! Wann fängt meine nächste Schicht denn an?“

Das kann ja noch heiter werden. Mal sehen, was auf dem Kahn hier noch so alles passieren wird., dachte sich der Pirat, als er sich hinlegte und auf dem Strohhalm herumkaute, nachdenklich an die Decke blickend. Wahrscheinlich dachte er nun über seine nächsten Schritte nach. Falls Leitfidd noch da wäre, würde diese Ignoranz eventuell als unhöflich aufgefasst werden, doch das war Sam herzlich egal.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Dienstag 6. Januar 2015, 21:27

Mit dem Wasser verabschiedete sich auch größtenteils der Meerwasser-Geruch und ein starker Gestank nach Fisch trat an seine Stelle. Prompt fand Ferim einige der Verursacher, drei kleine Fische im Netz.

„Wirf die nicht über Bord.“, meinte Dora „Die können wir zerschneiden und als Köder für frische Fische benutzen. Hier gibt es bestimmt einige Angelhaken und Schnur.“
„Das geht doch bestimmt nicht, während das Boot sich so schnell bewegt.“, warf Sid ein.
„Versuch' mich nicht über Fische zu belehren, Bursche, ich komme aus dem Fischerdorf.“
Sid verschränkte die Arme. „Wir haben genug Proviant und vielleicht will ich ich einfach nicht meine Hände mit alten, widerlichen Fischinnereien besudeln.“

Beleidigt wandte sich Dora an Pallas: „Sprich ein Machtwort, Kapitän!“

Beim Gedanken an frisch zubereiteten Fisch lief Pallas das Wasser im und zusammen, aber er würde auf keinen Fall die Fahrt verlangsamen solange die Winde so günstig standen und sie noch genug zu essen hatten. Die Gefahr war zu groß, dass sie jemand verfolgte.

"Hört zu Leute, ihr könnt meinetwegen gerne versuchen zu Angeln, aber ich werde auf gar keinen Fall die Geschwindigkeit verringern. Wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Der Sturm hat uns zwar einen Vorsprung gegeben, nichtsdestotrotz könnten wir noch eingeholt werden. Wir haben außerdem wirklich noch genug zu Essen und fischen könnt ihr immer noch bei weniger Wind." Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute in die Runde, eine Reaktion abwartend. Er fand einen kleinen Strohhalm in seiner Tasche und ihm wurde auf einmal ganz wohl zu Mute. Er überlegte es sich doch nochmal anders und sagte zu seiner Mannschaft: "Nagut, wenn es wirklich nicht anders geht dann holen wir das Segel ein." Er hatte auf einmal ein lebhaftes Bild von festlich angerichteten Sardellen vor Augen und bekam richtig Hunger, also ordnete er das Frühstück an. "Lasst uns vorher aber noch einen Happen essen!"

Mit sich und der Welt zufrieden atmete er tief die salzige Luft ein, als plötzlich, eine kleine Schneeflocke auf seinem Gesicht landete. Verwundert beobachtete er wie bald mehr und mehr Schneeflocken vom Wind in das Boot getragen wurden und ihm eine hauchfeine Verzierung wie von Puderzucker verliehen. Ein Moment lang dachte er daran ob sie vielleicht doch in die falsche Richtung fuhren und Mantron ansteuerten, war aber zu fröhlich aufgelegt um dem großen Wert beizumessen. Mantron war bis auf sein kaltes Klima kein schlechter Ort, und Schnee konnte so schön sein.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 11. Januar 2015, 16:06

Auf der Santroner Möwe

Der Mantroner Leiffidd hatte nicht erwartet, so heftige Konter von Samuel Hatch zu bekommen. Sobald das Schiff auf hoher See war, zeigte sich der Matrose nicht mehr handzahm und zuvorkommend. Aber etwas war seltsam. Als das Wort Spionage fiel, irritierte das den Schiffszimmermann.

„He, Moment mal.“, zischte er, „Spionage? Du glaubst, ich bin ein Spitzel? Wie kommst du darauf...“ Er wandte sich nachdenklich ab und sagte: „Ich dachte, wir wären von der selben Sorte. Denker! Leute, die Fragen stellen und damit ständig anecken. Oh, wie sehr schmücken wir Mantroner damit, immer frei Schnauze zu reden, aber wenn jemand wichtige Fragen über die Welt stellt, nachdem er dem Kindesalter entwachsen ist, ist das sein gesellschaftlicher Tod. Und nicht nur bei den Mantronern. Überall muss man sein Talent verstecken, um den Ranghöheren keine Angst zu machen und sich mit den Rangniederen überhaupt ein bisschen zu solidarisieren.“

Für jemanden, der sich seiner Intelligenz rühmte, sollte es selbstverständlich sein, mehr auf den enttarnten Spion zu achten, statt einen langen Monolog zu halten, der ihm vermutlich schon lange auf dem Herzen hing. Leiffidd war abgelenkt und schaute nicht auf Samuel hier unten in den dunklen, zur Zeit leeren Eingeweiden des Schiffes.

„Und man tut alles, um es jedem recht zu machen und darf trotzdem kein Ansehen daraus zu ziehen. Erst Kapitän Caspar hat akzeptiert, was ich bin, und mich geradewegs vom armen Schlucker am Hafen zum Schiffszimmermann gemacht. Und heute morgen dachte ich, ich könnte jemanden wie mir auch so eine Chance geben... Doch dabei warst du ein Spion! Was soll ich wohl jetzt mit dir machen soll?“

Die Frage lautete eher, was sollte Samuel mit Leiffidd machen. Er hatte mehr als reichlich Zeit gehabt, sich das zu überlegen und zu merken, dass hier unten niemand sonst war und auch sonst keiner in der nächsten Zeit hier aufkreuzen würde.

Auf der Seegurke

Pallas war gezwungen ein Machtwort zu sprechen, aber das Versprechen von frischem Fisch änderte seine Meinung. Dora war paradoxerweise die erste, die Einspruch einlegte. „Nein, wir werden nicht langsamer machen. Wenn Sid mich hätte ausreden lässen, dann hätte ich das schon längst erklärt: Schleppfischen nennt man es, wenn man einen Angelköder hinter sich herzieht. Damit kann man auf dem Meer Raubfische fangen. Und wir haben die richtige Geschwindigkeit dafür.“ Sie verschränkte triumphierend die Arme. Hätte sie das bloß früher gesagt, statt gleich nach dem Urteil des Kapitäns zu verlangen.

Sie aßen eine karge Mahlzeit. Trockenfleisch und Zwieback aus dem Proviantrucksack von Atlas und der der Krug mit Frischwasser wurde herumgereicht. Frischwasser war auf kurze Sicht wichtiger als Essen, aber von beiden hatten sie reichlich dabei.

Nach dem Essen gesellte sich Sids Begleiterin zu Pallas. „Hallo.“, begrüßte sie ihn, „Wir haben uns bisher einander noch nicht vorgestellt. Ich bin Priscilla, aber lieber einfach Priss.“ Sie legte ihre Hand auf ihren runden Bauch.

„Sid und ich sind zusammen in Rumdett aufgewachsen, aber bitte urteile nicht schlecht über uns deswegen. Wenn uns das Leben dort gefallen hätte, hätten wir nicht die Versammlungen von Bruder Ferim besucht. Ich vermute, die Inhalte sind hochgradig unorthodox, aber sie haben Trost gespendet.“

Sie blickte zur Küste und dann in die Richtung aus der sie hergekommen waren. „Was Sid und mir keine Ruhe lässt, sind diese Leute, die gestern Abend am Hafen waren.“ Priscilla sprach nicht weiter. Anscheinend hatte sie eine sehr indirekte Art, Fragen zu stellen. Es war klar, dass sie wissen wollte, was es mit den Geschehnissen auf sich hatte.
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Samuel Hatch » Dienstag 20. Januar 2015, 17:54

Als das Wort Spionage fiel, irritierte das den Schiffszimmermann.

„He, Moment mal.“, zischte er, „Spionage? Du glaubst, ich bin ein Spitzel? Wie kommst du darauf...“ Er wandte sich nachdenklich ab und sagte: „Ich dachte, wir wären von derselben Sorte. Denker! Leute, die Fragen stellen und damit ständig anecken. Oh, wie sehr schmücken wir Mantroner uns damit, immer frei Schnauze zu reden, aber wenn jemand wichtige Fragen über die Welt stellt, nachdem er dem Kindesalter entwachsen ist, ist das sein gesellschaftlicher Tod. Und nicht nur bei den Mantronern. Überall muss man sein Talent verstecken, um den Ranghöheren keine Angst zu machen und sich mit den Rangniederen überhaupt ein bisschen zu solidarisieren.“

Jetzt wird das Spiel interessant… dachte sich Sam, als er bemerkte, dass der Mantroner wohl doch kein zusätzlicher Mann Morozovs war. Lächelnd überdachte er innerhalb von Sekundenbruchteilen seine verschiedenen Möglichkeiten.
Also… ich könnte den Typen einfach von hinten abstechen. Immerhin scheint hier keine Menschenseele zu sein. Aber all das Blut, und dann musste ja erst mal erklärt werden wo er ist und warum ich als letztes mit ihm gesehen wurde. Hm… außerdem wäre es doch so schade, dass er just in dem Moment abkratzt, in dem er wirklich mal anfängt zu denken. Man könnte ihn noch defamieren… er ist ohnehin schon unbeliebt, und zudem noch scheinbar nicht der Schlauste. Aber das verspricht nicht unbedingt Erfolg, immerhin bin ich der neueste Matrose. Aber man könnte ihn nutzen… Tja abstechen kannst du ihn ja danach immer noch irgendwo… in einer dunklen Ecke. Während sich Sam lächelnd seinen Überlegungen hingab, führte der Mantroner seinen Monolog fort.

„Und man tut alles, um es jedem recht zu machen und darf trotzdem kein Ansehen daraus zu ziehen. Erst Kapitän Caspar hat akzeptiert, was ich bin, und mich geradewegs vom armen Schlucker am Hafen zum Schiffszimmermann gemacht. Und heute morgen dachte ich, ich könnte jemanden wie mir auch so eine Chance geben... Doch dabei warst du ein Spion! Was soll ich wohl jetzt mit dir machen soll?“

„Was du mit mir machen sollst? Ganz einfach: gar nichts. Ich will dir auch erklären warum. Spionage klingt in meinem Fall vielleicht schlimmer als es eigentlich ist. Ich habe bei euch angeheuert, weil der erste Maat Karl im Suff an Land einigen Leuten Ärger bereitet hat. Diese Leute haben wiederum mich angeheuert, um ihm das Leben schwer zu machen. Ich soll ihn wenn möglich bloßstellen, und dafür sorgen, dass er seine Anstellung auf diesem Schiff verliert. Du weißt ja sicherlich, dass Karl gern mal einen über den Durst trinkt, und mal ganz unter uns… der sympathischste ist er definitiv nicht.“

Sam wusste zwar nicht, ob der Matroner anbeißen würde, aber immerhin war es einen Versuch wert. Und immerhin konnte er diese Geschichte so überzeugend erzählen, dass er sie sich beinahe selbst abkaufte.

„Nun zu dem Punkt, warum du gar nichts machen sollst. Wenn ich Karl beobachte und ihn über kurz oder lang defamiere, stehst du dabei gut da. Zumindest kann ich das arrangieren. Immerhin sind deine Befehle ja auch sinnvoller als die des ersten Maats. Ich muss nur dafür sorgen, dass die anderen Matrosen das auch erkennen.“

Hier machte Sam eine bedeutungsschwere Pause um Leitfidd einen Moment Zeit zu geben über das Gesagte nachzudenken. Jedoch ließ er ihn noch nicht zu Wort kommen.

„Du könntest mir natürlich auch dabei helfen. Ich brauche nur, für dich wahrscheinlich unwichtige, Informationen um möglichst rasch Erfolg zu haben, schließlich soll die Reise ja nicht allzu lange dauern. Und je unauffälliger ich dabei bin, umso besser. Sei doch mal ehrlich zu dir selbst. Glaubst du wirklich, dass sich sonst je etwas ändern wird an deiner Stellung und deinem Ruf innerhalb der Mannschaft, gerade jetzt, wo Kapitän Caspar nicht mehr da ist? Er hat erkannt, was in dir steckt, und jetzt müssen es nur noch die Matrosen erkennen. Ich kann sie dazu bringen, aber nicht wenn du mich verpfeifst. Außerdem trifft es nur Karl, und der hat eigentlich schlimmeres verdient als das, aber meine Auftraggeber wollen das nicht. Es wird also niemandem etwas passieren. Du siehst also, so schlimm ist das ganze gar nicht. Sieh es eher als harmlosen Jungenstreich der nur mit Vorteilen für dich behaftet ist. Und ich dachte du wüsstest darüber Bescheid, als du mich im Hafenbecken angesprochen hast. Naja wie auch immer… Entscheide selbst: Endlich die Anerkennung bekommen, die du verdienst, oder weiter unter den Schikanen von Karl arbeiten.“

Komm schon mein Großer. Gib dir ´nen Ruck, sonst muss ich am Ende doch noch die Fische mit dir füttern… dachte sich Sam während er den Mantroner einnehmend anlächelte und dabei vollkommen harmlos wirkte.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Mittwoch 28. Januar 2015, 23:12

„Nein, wir werden nicht langsamer machen. Wenn Sid mich hätte ausreden lässen, dann hätte ich das schon längst erklärt: Schleppfischen nennt man es, wenn man einen Angelköder hinter sich herzieht. Damit kann man auf dem Meer Raubfische fangen. Und wir haben die richtige Geschwindigkeit dafür“, sagte Dora. Mit Bravour hatte Pallas mal wieder seine Ahnungslosigkeit in Sachen Seefahrt unter Beweis gestellt. Damit hätte sie auch ruhig früher kommen können!
Sie nahmen ihr karges Frühstück ein und die Anderen machten sich anschließend daran die nötigen Utensilien zum Schleppfischen zusammenzusuchen. Pallas blieb am Ruder und hielt den Kurs. Sids schwangere Begleiterin kam auf ihn zu und stellte sich vor:
„Hallo. Wir haben uns bisher einander noch nicht vorgestellt. Ich bin Priscilla, aber lieber einfach Priss.“ Sid und ich sind zusammen in Rumdett aufgewachsen, aber bitte urteile nicht schlecht über uns deswegen. Wenn uns das Leben dort gefallen hätte, hätten wir nicht die Versammlungen von Bruder Ferim besucht. Ich vermute, die Inhalte sind hochgradig unorthodox, aber sie haben Trost gespendet.“ Mit einem Blick Richtung Heck fuhr sie fort: „Was Sid und mir keine Ruhe lässt, sind diese Leute, die gestern Abend am Hafen waren.“
Es war offensichtlich dass Priss von ihm eine Antwort verlangte. Pallas überlegte kurz ob er sie mit der ganzen Wahrheit belasten sollte, entschied sich aber dagegen. "Nun, das ist eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen: Ich bin einer Bande Piraten in Rumdett in die Quere gekommen und das haben sie mir wohl übel genommen", spielte er den Vorfall herunter, "das ist, nehme ich an nicht ungewöhnlich für eine Stadt in der es nur so von den Typen wimmelt." Er lächelte und wechselte das Thema: "Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass es in Rumdett auch redliche Menschen gibt, die keine Piraten sind. Wie habt ihr es geschafft so lange zu überleben ohne einer der drei Gruppierungen anzugehören?"
Insgeheim teilte er Priss' Sorgen wegen der Amazone und ihrer Mannschaft. Da sie sich als Händlerin ausgeben konnte waren sie selbst in Serna nicht sicher vor ihr. Schweigsam steuerte Pallas das Boot weiter, nicht ohne den Horizont hinter ihnen im Auge zu behalten.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 1. Februar 2015, 09:50

Auf der Santroner Möwe

Samuel Hatch unterbreitete dem Schiffszimmermann seine Version der Dinge zusammen mit einem Vorschlag, auf dem Leiffidd eingehen sollte. Der Mantroner hörte sich die Sache mit verschränkten Armen und einer Hand auf dem Knauf seines Hammers an. In der Dunkelheit war sein Mienenspiel nicht zu erkennen.

„Darauf kann ich nur zwei Dinge entgegnen.“, meinte Leiffidd, „Erstens ist das, was du vorschlägst schlimmer als Spionage. Du redest davon, einen wichtigen Offizier an Bord zu sabotieren und in die Befehlskette einzugreifen.“
Sein Tonfall nahm dabei an Bedrohlichkeit zu, aber die flachte wieder ab, zu seinem üblichen, ruhigen, analytischen Ton.
„Und zweitens kaufe ich dir die Geschichte sowieso nicht ab. Ein besoffener Karl ist sanft wie ein Lamm, hält sich aus jeglichem Ärger raus und hat immer noch so viel Beherrschung über seinen Magen, dass er niemanden auf die Stiefel kotzt.“

„Ich verstehe, dass seit Orphelia neuer Kapitän ist, viele Augen auf die Santroner Möwe gerichtet werden. Zwei andere Piratenbanden, die Amazonen und die Drow – Ich wette, sie alle wollen wissen, was hier los ist, und einer hatte den Mumm in den Knochen, dich zu schicken. Und in gewisser Weise ist das ihr gutes Recht, dem ich nicht im Weg stehen werde...“

Ein elfenbeinfarbenes Lächeln reflektierte das matte Licht hier unten.

„... wenn man mich nicht leer ausgehen lässt.“

Auf der Seegurke

Priss hörte sich Pallas vage Erklärung an. „Das hätte ich mir denken können.“, sagte sie mit einem enttäuschten Tonfall. Dies war eine lange, langweilige Seefahrt und der Sohn des Mercators begnügte sich mit der Kurzfassung einer langen Geschichte. Stattdessen stellte er eine Gegenfrage.

Wie man es als anständige Person in Rumdett überleben konnte? Priscilla antwortete:
„Natürlich kennt man die Stadt Rumdett außerhalb nur als Piratenhochburg. Die Piraten morden und rauben viel, aber nicht für den Alleinzweck, um die Schätze zu vergraben wie es ein Hund mit Knochen tut. Hinter ihnen ist ein ganzer Rattenschwanz an Gefolge. Manch eines Piraten Familie, Betreiber von Gasthäusern, Schnapsbrenner, Schwarzhändler, Hehler, käufliche Damen, Diener, Segelflicker, Tauknüpfer, Kartenzeichner, Köche, Fischer, Lagermeister, Zahnzieher, Musiker, Informanten. Und dieser Rattenschwanz hat selbst noch seine Gehilfen, Lehrlinge oder eigenen Liebsten.
Ich weiß nicht, wie weit das Konzept von Anstand noch auf die Leute anwendbar ist, die niemals einen Säbel geschwungen haben, aber trotzdem das Brot der Piraten essen und ihnen das Leben so angenehm wie möglich machen. Wir hier haben uns entschieden, da nicht mehr mitzumachen und Bruder Ferims Angebot anzunehmen.“

Sie schaute in die Ferne.

„Ich klinge ja so ernst und so philosophisch. Du solltest mal Dora fragen, wie sie nach Rumdett kam. Sie gibt es nicht zu, aber sie liebt es, diese Geschichte zu erzählen.“
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Samuel Hatch » Sonntag 8. Februar 2015, 11:10

Leitfidd hörte sich die Sache mit verschränkten Armen und einer Hand auf dem Knauf seines Hammers an. In der Dunkelheit war sein Mienenspiel nicht zu erkennen. Das leise Knarren der Balken und Planken, das Ächzen des Schiffes im Wellenspiel war für einige Momente das einzige, was zu hören war. Es lag Anspannung in der Luft. Sam lümmelte zwar noch immer scheinbar vollkommen entspannt auf seiner Pritsche, doch selbst dem Einäugigen war die Brenzligkeit der Situation bewusst. Er hatte seine Beine überschlagen, sodass er im Notfall noch immer schnell an seinen Stiefeldolch kommen konnte. Der Mantroner vor ihm war sicherlich kein Wunschgegner, doch Angst hatte er vor ihm keine. Ein schneller Stich zwischen die Rippen und auch ein großer Mann wie Leitfidd erstickte an seinem eigenen Blut wie ein Fisch auf dem Trockenen. Der neueste Matrose auf diesem Schiff kaute noch immer lächelnd auf dem gefundenen Strohhalm, während sich hinter dieser scheinbar freundlich-aufgeschlossenen Fassade Bilder abspielten, die mehrere grausame Enden für Leitfidd durchexerzierten. Sam schien unglaublich interessiert, als der große Blonde anfing zu reden:

„Darauf kann ich nur zwei Dinge entgegnen.“, meinte Leiffidd, „Erstens ist das, was du vorschlägst schlimmer als Spionage. Du redest davon, einen wichtigen Offizier an Bord zu sabotieren und in die Befehlskette einzugreifen.“

Sein Tonfall nahm dabei an Bedrohlichkeit zu, aber die flachte wieder ab, zu seinem üblichen, ruhigen, analytischen Ton. Sam merkte man es zwar nicht an, doch bei jeder Silbe Leitfidds, die an Bedrohlichkeit zunahm, stieg seine Bereitschaft blitzschnell und tödlich zuzuschlagen. Aber genau diese Art von Nervenkitzel war es, die Sam so sehr liebte. Er würde es bis auf den letzten Moment hinauszögern, Leitfidd anzugreifen, nur um die Situation „interessanter“ zu gestalten.

„Und zweitens kaufe ich dir die Geschichte sowieso nicht ab. Ein besoffener Karl ist sanft wie ein Lamm, hält sich aus jeglichem Ärger raus und hat immer noch so viel Beherrschung über seinen Magen, dass er niemanden auf die Stiefel kotzt.“

Jetzt musste Sam unwillkürlich lächeln. Oh bei allen Göttern, wie hirnverbrannt und naiv ist dieser Mantroner denn? Ich dachte er kommt aus Rumdett und jetzt redet er solchen absoluten Schwachsinn? Selbst wenn Karl lammfromm ist, was spricht dagegen, dass er im Suff dennoch einigen Leuten Ärger bereitet hat, welcher Art auch immer? Naja was soll´s: Der Kerl ist halt nicht sonderlich helle…. Sams Gedanken versuchten nun passende Antworten zu formulieren, aber im ersten Moment vielen ihm keine ein, ohne Leitfidd arg zu beleidigen, und da dies in der derzeitigen Situation nicht klug wäre, hielt er lieber den Mund.

„Ich verstehe, dass seit Orphelia neuer Kapitän ist, viele Augen auf die Santroner Möwe gerichtet werden. Zwei andere Piratenbanden, die Amazonen und die Drow – Ich wette, sie alle wollen wissen, was hier los ist, und einer hatte den Mumm in den Knochen, dich zu schicken. Und in gewisser Weise ist das ihr gutes Recht, dem ich nicht im Weg stehen werde...“

Ein elfenbeinfarbenes Lächeln reflektierte das matte Licht hier unten.

"... wenn man mich nicht leer ausgehen lässt."

Sams Lächeln wurde hinterlistiger und auch eine Spur bedrohlicher. Wenn dieser Mantroner der Meinung war, er würde die Situation hier kontrollieren, so ließ ihn Sam in diesem Glauben. Ein Mann der sich seiner Position sicher war, machte schneller und öfter Fehler. Sam wusste, dass er auf dünnem Eis stand und das Leitfidd nur eine Aussage zu viel bei den richtigen Personen machen musste, und der Einäugige würde das Nachsehen haben, und dennoch konnte er seine Klappe nicht gänzlich halten. Es wurmte ihn, dass Leitfidd ihm die Geschichte nicht abkaufte, obwohl sie beinahe glaubhafter als die Wahrheit war.

„Also erstens: Es interessiert mich eigentlich einen Scheiß, ob du mir glaubst oder nicht. Aber wenn du denkst, dass der Santroner Möwe wirklich so viel Aufmerksamkeit gebührt wie du denkst, hast du dich geschnitten. Ich kann nicht abstreiten, dass ich mich im Vorfeld versucht habe über Schiff und Mannschaft schlau zu machen, doch hochinteressante oder brisante Themen sind dabei nun wirklich nicht zu Tage gekommen. Ich mache meinen Job und du machst deinen. Und wenn meine Auftraggeber zufrieden mit mir sind, zahlen sie gut. Und wenn ich ihnen sage, dass mir geholfen wurde, zahlen sie auch demjenigen, der mich unterstützt hat eine respektable Summe.“

Sams Gesicht wurde vom Halbdunkel unter Deck kurzzeitig komplett mit Schatten überzogen. Das war gut, denn somit konnte Leitfidd unmöglich das kurzzeitige diabolische Glitzern in seinem Auge erkennen. Der Pirat erhob sich von seiner Pritsche und stand dem Mantroner nun Aug´ in Aug´ gegenüber. Das Schiff schlingerte leicht und das Holz der Balken und Planken ächzte dramatisch, während sich die beiden Piraten für einen Moment schweigend ansahen. Sam verzichtete darauf, seine Hand auf den Griff seiner Waffe zu legen. Falls Leitfidd versuchen sollte, ihn anzugreifen, würde er ihn daran hindern seinen Hammer zu ziehen und ihn erst einmal versuchen dort zu treffen, wo es für Männer immer am schmerzhaftesten ist.

Bereit für alles, fragte der Einäugige dann: „Und? Wie wollen wir beide jetzt verbleiben?“

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 19. Februar 2015, 19:39

Auf der Santroner Möwe

Unter Deck des Schiffes fand ein kleines geistiges Duell statt. Samuel Hatch, enttarnter Spion und zu jeder Schandtat und Lüge bereit, gegen Leiffidd, der meinte, die Intelligenz mit Löffeln gefressen zu haben.

„Eine respektable Belohnung für geleistete Hilfe, meinst du?“, flüsterte der Schiffszimmermann. „Lass mich kurz nachdenken...“ Die Hand, die nicht auf dem Hammerknauf lag, streifte durch den Bart. Dabei konnte Samuel vielleicht eine eckige Ausbuchtung an diesem Ärmel des Mantroner entdecken. Eine versteckte Waffe vielleicht?

„Wir wissen beide, dass das nicht so funktioniert.“, meinte er zögerlich. „Bei uns in Mantron gibt es die Redensart: Lieber ein Rebhuhn in der Pfanne als einen Wal in der Bucht. Ich habe einen wesentlich besseren Vorschlag.“
„Du hast bestimmt schon Kobalt kennengelernt. Der glatzköpfige Offizier? Der kümmert sich auch um die Bezahlung der Mannschaft. In sechs Stunden gehst zu diesem Metzger und erklärst, dass du mein goldberandetes Brennglas verloren hast und dass er mir deshalb deine Heuer auszahlen soll, solange bis ich sage, dass es abbezahlt ist.
Im Gegenzug sorge ich dafür, dass du etwas richtig Interessantes zu Gesicht bekommst, ohne Kopf und Kragen dafür zu riskieren.“

Leiffidd lächelte. Jetzt war er es, der ein mysteriöse Angebot machte. Mit diesen Worten verabschiedete er sich auch und wollte sich entfernen.
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Freitag 20. Februar 2015, 16:39

Pallas hörte sich Priss' Ausführungen über die anständigen Bewohner Rumdetts an. Vieles davon hatte er sich schon gedacht oder selbst bei seinem Besuch gesehen. Tatsächlich hätte Pallas die meisten nicht-Piraten, wie Hehler, Dirnen und anderes Gesindel, nicht zur rechtschaffenden Sorte gezählt, was allerdings durch die allgemeine Verkommenheit der Stadt weitestgehend relativiert wurde. Bei einem Rattennest wie Rumdett wirkte wirklich jeder, der einen nicht auf der Stelle ausraubte, wie ein Wohltäter. Andersherum galt das natürlich auch: Wie Anständig konnte jemand sein, der Piraten duldete und von ihnen geduldet wurde?
Priss schien sich dieses Umstandes wohl bewusst zu sein: “Ich weiß nicht, wie weit das Konzept von Anstand noch auf die Leute anwendbar ist, die niemals einen Säbel geschwungen haben, aber trotzdem das Brot der Piraten essen und ihnen das Leben so angenehm wie möglich machen. Wir hier haben uns entschieden, da nicht mehr mitzumachen und Bruder Ferims Angebot anzunehmen.“

„Es ist trotzalledem sicher schwer für euch, eure Heimat hinter euch zu lassen. Aber ihr habt die richtige Entscheidung getroffen, die Piraten und ihre Machenschaften nicht zu weiter zu unterstützen und eurem Kind ein sicheres Zuhause zu ermöglichen“, versuchte Pallas sie aufzumuntern.

„Ich klinge ja so ernst und so philosophisch. Du solltest mal Dora fragen, wie sie nach Rumdett kam. Sie gibt es nicht zu, aber sie liebt es, diese Geschichte zu erzählen.“

Pallas würde liebend gerne eine Geschichte von Dora hören, denn das Steuern der Seegurke war ziemlich eintönig. Nicht dass er sich darüber beschweren würde, es war immer noch besser als ein weiterer Sturm. Umso besser, wenn sich dabei auch noch die Stimmung der griesgrämigen alten Frau hob.

"Das klingt spannend! Ich werde sie bei Gelegenheit mal danach Fragen."

Er korrigierte den Kurs um wenige Grad und steuerte das Boot noch eine Weile lang, bis er sich sicher genug war es sich selbst zu überlassen, dann schlenderte er hinüber zu den Schleppfischern und fragte:
"Na, funktionierts? Schon was gefangen?"

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 26. Februar 2015, 09:20

Auf der Seegurke

Sid und Dora ließen gemeinsam Angelschnüre in die Fahrtströmung gleiten. Die Frage, ob sie etwas gefangen hatten, hatte sich eigentlich erübrigt, denn frischer Fisch war nicht zu sehen und auf dem kleinen Boot blieb nichts unbemerkt – auch was Fischfang anging.

„Oh, wir haben schon ein reiche Ausbeute.“, meinte Sid und hielt eine Hand voll triefendes Seegras hoch. „Das wird ein Festmahl.“
„Ich habe dir ja gesagt, dass du nicht so viel Schnur geben sollst!“, mahnte Dora den Sarkastischen.
„Das habe ich absichtlich gemacht. Wenn man nämlich rohen Fisch mit Getreidekörnern in das Zeug einwickelt, ist das eine Delikatesse. Das essen die Amazonen in Xytras, da wo du hingehörst.“

Und wieder fingen die beiden zu streiten an, nämlich, wer dieses verrückte Essen, von dem Pallas Mercator noch nie etwas gehört hatte, erfunden hatte. Wirklich die Amazonen? Die Mantroner? Die Sarmatesen? Und dann stritten sie sich, wie man die Bewohner Sarmas wirklich nannte. Sarmartianer oder Sarmser?
Sie war in ihrer Streiterei unverbesserbar und Pallas konnte das nicht schlichten. Wenn er aber aufpasste, bemerkte er, dass in dem Streitgespräch zweier Menschen immer wieder drei oder mehr verschiedener Standpunkte gegeneinander antraten. Da passte etwas nicht. Und immer wieder schauten die beiden hoffnungsvoll zu Ferim, dem Klauerkloß am Bug, der sich aber nie rührte.

Sid hatte während des Streitgesprächs seine Schnur abgelegt. Das Garn hatte er um ein langes Stück Holz gewickelt. Keiner der beiden hatte bemerkt, dass das Holzstück gerade am Boden der Seegurke vor sich hin tanzte, während die Angelschnur im rasanten Tempo abgewickelt wurde.
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Dienstag 10. März 2015, 22:21

„Oh, wir haben schon ein reiche Ausbeute. Das wird ein Festmahl,“ fasste Sid den Erfolg des Fischfangs zusammen und zeigte Pallas einen Haufen Seetang. So wie er das sagte klang das eher ironisch als ernst gemeint. Auch Dora musste es so verstanden haben denn sie antwortete: „Ich habe dir ja gesagt, dass du nicht so viel Schnur geben sollst!“ Daraus entbrannte natürlich wieder eine kleine Streiterei zwischen den beiden.
„Das habe ich absichtlich gemacht. Wenn man nämlich rohen Fisch mit Getreidekörnern in das Zeug einwickelt, ist das eine Delikatesse. Das essen die Amazonen in Xytras, da wo du hingehörst.“

Rohen Fisch in Seetang konnte sich Pallas nun beim besten Willen nicht essbar vorstellen, außerdem war hier weit und breit kein Getreide. Andererseits konnten sie auch schlecht ein Feuer machen um den Fisch zu braten. Zu allem Überfluss fingen sie nun auch noch an, über die Herkunft dieser exotischen "Leckerei" zu streiten, was wiederum zu einem Streit führte wie die Bewohner Sarmas eigentlich hießen. Pallas war sich ziemlich sicher das man sie als Sarmaer bezeichnete, mischte sich aber lieber nicht ein.
Der Streit konnte so ewig weiter gehen und so achtete niemand auf die Angelschnur, die sich langsam abwickelte. Irgendwas musste angebissen haben. Bevor die Schnur samt dem Holzstück ins Wasser gerissen werden konnte packte es Pallas.

Hoffentlich hängt da was besseres dran als Seetang!

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Dienstag 17. März 2015, 19:07

Auf der Seegurke

Pallas Mercator ergriff das Stück Holz und machte sich daran den Fang einzuholen. So etwas konnte bei großen Fischen schwere Arbeit sein, war doch ein Fisch so mit seinen Flossen und Muskeln beschaffen, dass er sich schnell durchs Wasser bewegen konnte und all das gegen die Kraft des Anglers einsetzte!

Aber Pallas war nicht allein. Als Sid aufblickte und feststellte, was los war, kam er ihm zu Hilfe. Alles, was der Händlerssohn an Schnur aus dem Wasser holte, wickelte der Musiker schnell um seine Hände und half bei jedem Ruck.
Da hing definitiv etwas besseres als Seetang am Haken und es war spürbar, dass sich da etwas wehrte.

Beim letzten Ruck an der Schnur hörte der Widerstand schlagartig auf. Hatte sich der Angelhaken etwa gelöst? Sid wickelte enttäuscht die Schnur auf. Dann gab es eine Bewegung unter Wasser und aus den Wellen löste sich ein fast zwei Ellen breites Maul und schnappte nach oben. Ob Fische Gefühle hatten und wenn ja, wie an sie erkannte, war ein Mysterium für Landbewohner, aber jeder Fischer würde schwören, dass das ein wütender Haifisch war, aus dessen Maul die Angelschnur lief und der immer wieder nach oben stieß und dabei wie ein tollwütiger Hund biss und mit seinem Körper das Fischkutter zu schwanken brachte.

„Verdammt!“, fluchte Sid und versuchte, die Schnur von seinem Händen zu streifen. In der Eile verhedderte er sich umso schlimmer.
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Sonntag 12. April 2015, 19:40

Die Freude über den bevorstehenden Fang schlug schlagartig in pansiche Angst um, als sich dieser an der Wasseroberfläche zeigte. Hatte es von allen Raubfischen den ausgerechnet der größte sein müssen?

Das ist kein Raubfisch, das ist ein Monster!

Schnell war auch klar dass Pallas und Sid nicht mit der Kraft des Hais mithalten konnten und dass dieser notfalls auch die Seegurke versenken würde, wenn ihm keine Wahl blieb. Pallas wurde das Seil aus der Hand gerissen, aber seinetwegen konnte es der Hai gerne behalten. Sei's drum, sie hatten noch andere Seile und Haken.

„Sid! Lass das Seil los, wir kommen gegen ihn nicht an!“ Sid hörte ihn zwar, hatte sich aber im Seil verheddert und konnte sich nicht eigenständig befreien. Ihnen blieb keine Wahl, sie würden das Seil durchschneiden müssen und zwar schnell, befor der Hai Sid überwältigte und zu sich ins Wasser zog.
Pallas zog sein Schwert und machte sich daran das Seil mit einem beherzten Hieb zu durchtrennen. Mit einem ordentlichen Entermesser sollte das durchtrennen der dünnen Schnur kein Problem sein, war nur zu hoffen, dass sein Marktschnäppchen auch hielt was es versprach.

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. April 2015, 19:21

Auf der Seegurke

Es war unklar, ob Sid mehr um sein Leben fürchtete oder um seine Musikantenhände. Der Haifisch riss und stieß mehrmals gegen das Schiff. Dora packte Sid unter den Achseln und zog mit allen Kräften, die ihre alten Knochen aufbrachte.
Der Hai war so nah, dass man sehen konnte, dass der Angelhaken sich in dessen Zahnfleisch verhakt hatte.

In einem Moment, als die Angelschnur gespannt war, haute Pallas Mercator sie mit seinem Entermesser durch. Die Schnur war zäh und fasrig, aber der geschärfte Stahl ließ sich dadurch nicht beeindrucken.

Den Raubfisch traf das unterwartet, er glitt mehrere Fuß weit zurück ins Wasser und von der Nussschale weg. Ohne zu zögern, machte sich das Tier auf den Rückzug. Vermutlich war sein Denkapparat nicht einmal zu so etwas wie Rache fähig.

Die Passagiere auf der Seegurke waren alle geschockt, bis dann Erleichterung eintrat. Sid klopfte seinem Retter auf den Rücken – mit verknoteten Händen, Dora zog schnell ihre Leine ein und dann half Priscilla Sid dabei, seine Hände zu befreien.

„Pallas, ich kann dir nicht viel anbieten, um dir zu danken. Aber: Ich werde ein Lied auf dich verfassen. Das ist das Mindeste. Mir müssen nur ein paar Reime auf deinen Namen einfallen, dann wird das ein großartiges Stück.“

Die Sonne stand bald hoch am Himmel und anstelle des ersehnten Speisefisches musste Dora etwas anderes zubereiten. Sie bespritze Trockenfleisch aus dem Proviantrucksack mit etwas Zitronensaft und das kam zwischen zwei Scheiben Zwieback. Das ganze war ziemlich trocken, hatte aber den Vorteil, dass man beim Essen die Finger sauber hielt. Dazu mehrmals Wasser herumgereicht.

Nach der kargen Mahlzeit nahm Sid sein Instrument her und arbeitete an der Musik zu dem versprochenen Lied, egal ob Pallas das mochte oder nicht. Die beiden Frauen hörten ihm dabei zu. Nur Ferim nicht. Der Schauspieler starrte in Richtung Land und schien über irgendetwas nachzudenken. Dabei murmelte er vor sich hin und rechnete mit den Fingern, aber es sah nicht so aus, als wäre er gut im Rechnen. Gelegentlich schloss er die Augen und zeichnete mit dem Finger etwas in die Luft, aber das machte ihn auch nicht zufrieden.
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Montag 11. Mai 2015, 23:52

So schnell wie sich die Krise entwickelt hatte, löste sie sich jetzt auch wieder auf, war das Seil erst durchtrennt und der Hai wieder frei. Sid bedankte sich überschwänglich bei seinem Retter:
„Pallas, ich kann dir nicht viel anbieten, um dir zu danken. Aber: Ich werde ein Lied auf dich verfassen. Das ist das Mindeste. Mir müssen nur ein paar Reime auf deinen Namen einfallen, dann wird das ein großartiges Stück.“
Tatsächlich fielen Pallas auf Anhieb keine Reime auf seinen Namen ein. Das Projekt würde also seine Zeit brauchen.
Trotzdem gefiel ihm die Idee von einem Lied seiner Heldentaten gut. „Es wäre mir eine Ehre in einem deiner Lieder vorzukommen“, sagte er mit einem Lächeln, „ich bin schon gespannt darauf es zu hören.“
Die Sonne erreichte ihren Zenit und es wurde Zeit fürs Mittagessen. An Bord der Seegurke gab es leider kaum Schatten um der Mittagshitze zu entkommen, weswegen sich Pallas aus seinem Tuch eine provisorische Kopfbedeckung knotete. Da niemand mehr Lust hatte sich den Gefahren des Fischfangs auszusetzen viel der Fisch aus und Dora zauberte dafür etwas anderes aus den wenigen Zutaten.
Nach dem Essen widmete sich Sid der Komposition des angekündigten Liedes. Ferim hingegen schien tief in Kalkulationen versunken zu sein. Interessehalber stellte Pallas sich zu ihm an die Reling und fragte: „Was machst du da? Rechnest du dir aus wie lange wir noch bis ans Ziel brauchen?“

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Freitag 22. Mai 2015, 18:41

Ferim wurde in seiner Gedankenarbeit von Pallas unterbrochen, aber er nahm es ihm nicht übel. Es sah sogar ganz so aus, als ob er das gewollt hätte.
„Guter Freund, manchmal kommen selbst die Dummen auf gute Ideen.“, erklärte Ferim im leisen Tonfall. „Nur an der Durchführung bleibt man hängen. Ich habe einmal den Rechenknecht eines Astronomen in einem Stück gemimt und deshalb einen Tag unter diesen schlauen Leuten verbracht, aber nur Mensch, nicht Materie studiert.“ In gutem Celcianisch gesprochen, hatte er nicht richtig gerechnet, sondern nur so getan in der Hoffnung auf eine spontane Eingebung.

Der Mönch zeigte auf den Boden des Schiffes. Das meiste vom restlichen Wasser war verdunstet und hatte eine Salzschicht hinterlassen. An der einen Stellen, wo Ferim hinzeigte, hatte sich eine Pfütze aus salziger Pampe, wie der Bodensatz einer Saline gehalten.
Mit dem Zeigefinger zeichnete er darin eine Krakellinie. „Wenn das die Celcianische Südküste ist...“
Das stellte definitiv nicht den echten Küstenverlauf dar.

„... und wir weiter wie bisher segeln, müssten wir doch nach einer Zeit die Dunsthügel hinter uns gelassen haben und die südwestlichen Ausläufer des Königreiches Jorsans erreichen.“
Ferim putzte sich den schmutzigen Finger an seiner Kleidung ab.
„Unser letztes Ziel ist Serna, aber angenommen, etwas geht schief, wie ein Leck oder wir verlieren Frischwasser oder wir werden verfolgt. Dann könnten wir schon früher an Land, eben nicht an einem ordentlichen Hafen.“

Die anderen Mitreisenden schauten bereits auf die beiden Männer – war es doch die einzige Ablenkung.

„Der ursprüngliche Grund, warum wir den Seeweg genommen haben, waren ja die gefährlichen Nebelgeister – und in gewissen Grad auch Doras und Bertrams Gebrechlichkeit, auch wenn keiner von uns gewagt hat, das offen auszusprechen.“

Ferim seufzte: „Ich wusste nicht, ob du nicht schon selbst auf den Gedanken gekommen bist. Ich bin mir sicher, Atlas wäre viel früher darauf gekommen. Der hatte es mit solchen Dingen. Wusstest du, dass sein eigentlicher Name Attallas war, aber seine Freunde ihn umgetauft haben?“
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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Pallas Mercator » Donnerstag 11. Juni 2015, 18:56

„Tatsächlich habe ich mir das auch schon überlegt", sagte Pallas, "Gleich an der Grenze zwischen den Dunsthügeln und Jorsan liegt das Dorf Ganda, etwa einen halben Tagesmarsch oder so von der Küste entfernt. Würden wir früher an Land gehen könnten wir Venthas Seeweg vermeiden, was mir ganz lieb wäre, denn dort wurde ich von den Piraten überfallen, die mich nach Rumdett brachten. Da die Piraten sich scheinbar mit den Amazonen verbündet haben, könnte es gut möglich sein, dass sie Xytras als Stützpunkt benutzen, was einen Überfall noch viel wahrscheinlicher macht.“

Pallas blickte in die Runde seiner Gefährten.

„Doch auch die Reise durch die Wildnis birgt ihre Risiken. Wir kennen den Weg und den nächsten Ankerplatz nicht, die Reise könnte also erheblich länger dauern, länger als unsere Vorräte halten.“
Auch wenn wir jetzt einer weniger sind dachte er, behielt diesen Gedanken aber für sich.

„Ich möchte, dass wir diese Entscheidung gemeinsam treffen. Stimmen wir darüber ab. Jeder der dafür ist, vorzeitig an Land zu gehen, hebt die Hand“

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Re: Entlang Celcias Südküste

Beitrag von Erzähler » Sonntag 14. Juni 2015, 15:37

Bei der Abstimmung war Ferim der einzige, der die Hand hob. Der angebliche Priester sagte: „Ich bin dafür, an Land zu gehen, wann und wo Pallas es für richtig empfindet.“ Die anderen Begleiter kratzten sich verlegen, schauten auf ihre Schuhe, aber stimmten dem nicht zu. Für sie war die Bedrohung durch die Amazonen wohl zu abstrakt. Besonders Priscilla schaute besonders skeptisch in die Runde. Damit war die Wahl entschieden. Der Landgang war nur bei direkter Gefahr vorgesehen.

Der Tag verging in gewohnter Langsamkeit. Gegen Abend tanzte eine Kuriosität in den Wellen neben dem Boot. Eine braune Kugel. Sid schaffte, sie reinzuholen und sagte: „Ja so was. Eine Kokusnuss. Das passt ja zu unsere Nussschale, nicht wahr?“

Das einzige geeignete Werkzeug, die Nuss zu knacken war die Feuerholzaxt, die Atlas mitgebracht hatte. Dora war es, die ein Loch in die Schale schlug. Die Milch roch frisch und süß und jeder bekam einen Schluck. Dann wurde die Nuss in der Mitte gespalten und das Fruchtfleisch verteilt.

Der Abend wurde lustig. Prissi nahm die beiden Nusshälften und schlug sie probeweiser aneinander. Sid gab ihr einen Takt vor und sie folgte ihm. Dann holte der Musiker sein Akkordeon hervor und spielte ein Lied, das Pallas Mercator nicht kennen konnte. Denn es war SEIN Lied.

„Oh wirf aus die Leine,
und bequem leg deine Beine.

Auf einem kleinen Boot,
in bunter Gesellschaft,
will man mehr essen als nur Brot,
schlemmen, bis der Magen lacht.

Oh wirf aus den Köderfisch,
etwas Leckeres muss auf den Tisch!

Unter Wellen sieht man nicht schwimmen,
leise wie er ist, ahnt man ihn nicht lauern,
Man kennt ihn als einen ganz schlimmen,
der Haifisch lässt alle Meerestiere erschauern.

Angebissen, wie wunderbar,
Jetzt muss es schnell gehen, ist ja klar.

Mein Freund Pallas schnappt sich die Schnur
und ich wickle sie auf.
Sichtbar war erst die Rückenflosse nur.
Doch folgte der Rest des Hais drauf.

Der Haifisch hatte mich am Haken, bloß
verheddert am Seil bekam ich es nicht los!

Ein Schleckermaul das war ich damals wie heute,
willst mir was gutes tun, bestell mir jetzt einen Happen,
Meine Gedanken waren meines Appetits leichte Beute.
Die Rettungstat kam von Pallas, nämlich die Leine zu kappen.

Ihr seht, diese Musikantenfinger rettete Pallas,
ganz knapp, bevor der Hai sie all fraß.

Der letzte Teil der Geschichte ist vielleicht übertrieben:
Pallas hob die Klinge und starrte in die Augen der Bestie.
„Andere Räuber des Meeres konnte ich schon besiegen!“
, rief er und der Hai drehte um, denn er hielt Flucht für das Beste.“
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